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"Die Weltgemeinschaft ist seit 1992 der nachhaltigen Entwicklung verpflichtet – jedes einzelne Land für sich, aber auch gemeinsam, müssen wir dieses Versprechen umsetzen."

Dr. Ursula Eid, Mitglied des Rates

17.10.2011

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AUS DEM RAT FÜR NACHHALTIGE ENTWICKLUNG

Schwan: Nachhaltigkeit braucht einmischende Kooperation von Widersachern

Foto: André Wagenzik, © Rat für Nachhaltige Entwicklung

Mit einem engagierten Plädoyer für die Einmischung in Nachhaltigkeitsfragen bestritt Prof.’in Dr. Dr. h.c. Gesine Schwan am 12. Oktober in Berlin die 3. Carl-von-Carlowitz-Vorlesung des Rates für Nachhaltige Entwicklung. Die Präsidentin der Humboldt-Viadrina School of Governance ging im historischen Kassensaal der KfW-Bankengruppe in Berlin der Frage nach, wie Politik nachhaltiger Entwicklung dienen kann. Entscheidungen über Wege in die Zukunftsfähigkeit, so Schwan, dürften nicht dem Markt oder Technokraten überlassen werden. „Nachhaltigkeit muss immer politisch ausgehandelt werden und ist dauerhaft auf Auseinandersetzung angewiesen.“ Erst der Streit über mögliche Lösungen bringe deren Vor- und Nachteile ans Licht. Die Politikwissenschaftlerin warb für eine neue Qualität in der Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Zivilgesellschaft. Wenn sie Nachhaltigkeit wollten, dürften sich nicht als Gegenspieler gerieren, sondern müssten zu Verständigung zurückfinden.

Foto: André Wagenzik, © Rat für Nachhaltige Entwicklung

Bei der Lösung von Zukunftsfragen, so Schwan, tendiere die Politik heute zu technokratischen Lösungen. Sie delegiere Streitfragen an Fachleute, was ihrer Vorstellung von Politik ebenso wenig entspreche wie der Wunsch nach „Durchregieren“. Beides degradiere die Suche nach gangbaren Wegen in eine nachhaltige Zukunft zur Sache Weniger. Die Wissenschaftlerin verwies auf die chinesische Staatsführung, die zwar effizient regiere, dies aber zum Preis der Einschränkung bürgerlicher Freiheiten. „Eine dauerhaft gerechte Diktatur kennen wir nicht“, sagte sie. Politik habe mit Menschen zu tun, die unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche verfolgten und sich nicht dauerhaft herumkommandieren ließen. Das führe zum Auseinanderbrechen von Gesellschaften.

Foto: André Wagenzik, © Rat für Nachhaltige Entwicklung

„Konflikte“, sagte die Sozialdemokratin in Anlehnung an den Soziologen Ralf Dahrendorf, „sind Motor von Entwicklung“. Sie seien eine Form des Wettbewerbs, ohne den Gesellschaften zu erstarren drohten. Jedoch zerstöre dieser Wettbewerb Gesellschaften, wenn er unreguliert bleibe und sich auf alle Lebensbereiche ausdehne. Eine solche Überdehnung münde im Kampf jeder gegen jeden, mache die große Mehrheit zu Verlierern und vernichte alle Chancen auf eine nachhaltige Entwicklung. „Wir brauchen eine neue Balance zwischen Wettbewerb und Kooperation“, sagte Schwan.

Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen, Medien und die Wissenschaft forderte sie auf, sich deutlicher in Debatten über Wege zur Nachhaltigkeit einzubringen. Nichtregierungsorganisationen können langfristige Politiken vorbereiten, Unternehmen als „Citoyen“ Verantwortung übernehmen. Parteien müssten sich für Einmischungen öffnen. Denn dass sie Nachhaltigkeit alleine stemmen könnten, sei eine Illusion. Vielmehr brauche es einen intensiveren Austausch zwischen jenen, die sich oft als Widersacher verständen. Schwan sprach von „antagonistischen Kooperationen“, die Voraussetzung für die Verständigung auf ein gemeinsames Zukunftsbild seien: „Um eine breite Allee für Nachhaltigkeit zu bahnen, müssen wir stets aufs Neue zur Verständigung finden.“

Foto: André Wagenzik, © Rat für Nachhaltige Entwicklung

Prof.’in Schwan setzte mit ihrer Vorlesung die vor zwei Jahren vom Rat für Nachhaltige Entwicklung aufgelegte Carl-von-Carlowitz-Reihe fort. In der nach dem Schöpfer des deutschen Nachhaltigkeitsbegriffs benannten Vorlesungsreihe sprechen herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über Grundlagen und Wege einer nachhaltigen Entwicklung. Die erste Carl-von-Carlowitz-Vorlesung hielt 2009 der renommierte Ökologe Prof. Wolfgang Haber. Er richtete seinen Fokus auf die Folgen der Bevölkerungsdynamik für die nachhaltige Entwicklung. Der Klimaforscher Prof. Carlo C. Jaeger vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung skizzierte 2010 unter dem Titel „Wachstum – wohin?“ eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts. Beide Vorlesungen werden auf der Website des RNE dokumentiert und sind als Buch erschienen.

Weiterführende Informationen

Informationen zur 3. Carl-von-Carlowitz-Vorlesung zu „Nachhaltigkeit und Politik“.

Fotos der Vorlesung

Wachstum – wohin? Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts. Videomitschnitt der 2. Carl-von-Carlowitz-Vorlesung von Prof. Carlo Jaeger, Potsdam Institut für Klimafolgenforschung auf der 10. Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung, 27.09.2010.

Die unbequemen Wahrheiten der Ökologie. Eine Nachhaltigkeitsperspektive für das 21. Jahrhundert. Englische Übersetzung der 1. Carl-von-Carlowitz-Vorlesung von Prof. Wolfgang Haber auf der 9. Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung, 23.11.2009. [PDF, 2,7 MB]

Bestellmöglichkeit der als Bücher publizierten 1. und 2. Carl-von-Carlowitz-Vorlesung.

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