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"Nachhaltigkeit verpflichtet zu Vernunft und Verantwortung unseres Handelns im sozialen, ökologischen und ökonomischen Bereich."

Michael Vassiliadis, Mitglied des Rates

23.09.2011

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„Deutscher Nachhaltigkeitskodex strahlt europaweit aus“ – Interview mit Prof. Alexander Bassen, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Hamburg

Verbindliche und vergleichbare Informationen zur Nachhaltigkeitsleistung von Unternehmen – danach fragen immer mehr Investoren und Finanzanalysten. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) hat darauf reagiert und im vergangenen Herbst die Entwicklung eines Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) angestoßen, der diese Informationen bereitstellen soll. In die Konzeption des Kodex, die Erarbeitung tragfähiger Nachhaltigkeitskriterien und Leistungsindikatoren eingebunden war von Beginn an der Corporate Governance-Experte Alexander Bassen, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Kapitalmärkte und Unternehmensführung an der Universität Hamburg. Der 46-Jährige ist ausgewiesener Kenner der Finanzmärkte, berät unter anderem die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management DVFA und ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Aktienindexanbieters STOXX. Was der Kodex Unternehmen abverlangt und ihnen bietet, welche Erfahrungen sie in einer ersten DNK-Pilotphase gemacht haben, erklärt er im Interview.

Herr Prof. Bassen, wer braucht einen Deutschen Nachhaltigkeitskodex? Reichen Nachhaltigkeitsberichte nicht mehr zur Beurteilung der Nachhaltigkeitsleistung von Unternehmen?

Die Nachhaltigkeitsberichte vieler deutscher Unternehmen sind zwar besser geworden. Aber vergleichbar sind sie nur bedingt. Genau das fordern jedoch immer mehr Investoren, Finanzanalysten und auch Nichtregierungsorganisationen. Deshalb brauchen wir eine Berichterstattung in Form eines verbindlichen Kodex, die Konzerne ebenso anspricht wie kleine und mittlere Unternehmen. Der DNK kann das leisten. Er gibt einen relativ guten, standardisierten Überblick über die Nachhaltigkeitsleistung von Unternehmen unterschiedlicher Branchen und macht sie so vergleichbar.

Wie wird unternehmerische Nachhaltigkeit mit dem DNK vergleichbar?

Der DNK steht auf zwei Beinen. Zum einem auf grundsätzlichen Kodexkriterien: Das sind zum Beispiel die von Unternehmen verfolgten Nachhaltigkeitsziele oder das Maß der Integration von Nachhaltigkeit in Unternehmensprozesse. Hier können die Unternehmen sagen: haben wir oder haben wir nicht. Diese grundlegenden Kriterien werden dann in messbare Leistungsindikatoren übersetzt, in sogenannte Key Performance Indicators (KPI). Beim CO2-Ausstoß etwa erklärt ein Unternehmen erst, ob es ein System zur Messung seiner Treibhausgasemissionen installiert hat. Der dazugehörige KPI gibt anschließend konkret Auskunft über die Höhe der Emissionen.

In der Dialogphase zur Ausgestaltung des DNK haben sich auffallend viele Unternehmen beteiligt. Wollen die Unternehmen den DNK verwässern oder leitet sie echtes Interesse an mehr Vergleichbarkeit von Nachhaltigkeit?

Ich glaube, die Unternehmen haben ein echtes Interesse an der Entwicklung des Kodex. Am Dialog zum DNK beteiligen sich viele Unternehmen, die bereits umfangreich über ihre Nachhaltigkeitsleitung berichten und Nachhaltigkeitsmanagementsysteme aufgesetzt haben. Die dabei gesammelten Erfahrungen wollen sie einbringen. Dadurch können sie den Kodex in einer frühen Phase mitgestalten. Das ist für sie angenehmer als am Ende eines Prozesses etwas vorgesetzt zu bekommen, was andere entwickelt haben.

Die Anzahl der KPI ist im Verlauf des DNK-Dialogs von 75 auf 25 geschrumpft. Taugt das aktuelle Set noch für Vergleiche?

Diese Schrumpfung war beabsichtigt. Wir sind bewusst mit vielen Indikatoren gestartet, um daraus im Dialog mit Unternehmen und Kapitalmarktvertretern den Kern zu destillieren. Diesen Kern können Unternehmen jetzt mit freiwilligen branchenspezifischen Indikatoren ergänzen. Damit bin ich sehr zufrieden. Durch die geringere Anzahl ist die Einstiegshürde in die verbindliche Berichterstattung niedrig, gerade für kleine Unternehmen oder solche, die erst anfangen, sich nachhaltig aufzustellen.

Wie waren die Erfahrungen der Unternehmen, die den DNK jüngst in einer Praxisphase erprobt haben? Waren sie überfordert?

Keinesfalls. Die Pilotunternehmen haben von Anfang an konstruktiv an der Entwicklung des DNK mitgearbeitet, wurden deswegen nicht von Anforderungen überrascht und hatten keine Schwierigkeiten bei deren Umsetzung. Teilweise gab es Verständnisfragen: Wie lang müssen die Antworten sein? Wann erfüllen wir eine DNK-Anforderung, wann nicht? Das gehört zum Feintuning. Aus meiner Sicht ist das auch ein Beleg dafür, dass bei den Unternehmen Interpretationsspielraum verbleibt, und das ist gut so.

Welchen Aufwand hatten die Pilotunternehmen zu schultern?

Das war ziemlich einheitlich. Sie brauchten ungefähr drei Personentage zur Erstellung der Kodexerklärung. Eine einmal erarbeitete Erklärung kann Unternehmen entlasten, weil sie danach weniger Einzelanfragen von Investoren oder Analysten bearbeiten müssen.

Mittlerweile liegt der vierte Entwurf zum DNK vor. Welcher Passus war während des Dialogs zur Entwicklung des DNK am strittigsten?

Die Frage der Implementierung des DNK und innerhalb dieser Diskussion die Frage, ob der Kodex rechtlich verbindlich werden soll. Anfangs sollte der DNK im Aktiengesetz verankert werden. Das fanden viele Unternehmen aus zwei Gründen nicht gut: Erstens sahen sie Haftungsrisiken, weil Nachhaltigkeit immer Spielraum für Interpretationen offen lässt. Ihr zweites Argument war, dass diese Art der Umsetzung dazu verführt, bestimmte Faktoren der Form halber abzuhaken, aber nicht wirklich im Unternehmen zu implementieren. Das ist nicht Ziel des DNK. Rechtliche Verbindlichkeit braucht er meines Erachtens auch nicht, wenn er funktioniert.

Welche Form der Implementierung wäre aus Ihrer Sicht zu empfehlen? 

Das ist schwer zu sagen. Wir diskutieren derzeit unterschiedliche Modelle – von der reinen Freiwilligkeit, der Anbindung des Kodex in die Lageberichterstattung, eine Prüfung durch Wirtschaftsprüfer, die Integration in Abstimmungsvorschläge von Investoren auf Hauptversammlungen. Erfolg verspricht meines Erachtens eine Kombination. Dass große Investoren einerseits eine DNK-Erklärung auf den Hauptversammlungen fordern und dass die Entsprechungserklärung nach dem DNK so zuverlässig ist, dass ihr geglaubt wird. 

Sanktionen bei Nichteinhaltung der DNK-Anforderungen sind nicht vorgesehen?

Bewusst nicht – aber sie können über Marktteilnehmer entstehen: Wenn etwa ein Aktionär die Einhaltung des Kodex fordert. Da gibt es unterschiedliche Eskalationsstufen.

Wird der DNK außerhalb Deutschlands wahrgenommen?


Die Europäische Kommission überlegt derzeit, Nachhaltigkeit vergleichbarer, die Berichterstattung darüber verbindlicher zu machen. EU-Binnenmarktkommissar Barnier hat sich in diese Richtung geäußert. Dänemark verpflichtet Unternehmen bereits zur Nachhaltigkeitsberichterstattung – und übernimmt im Januar die EU-Ratspräsidentschaft. Ob sich die EU tatsächlich auf mehr Verbindlichkeit einigt, ist offen. Über den DNK wird auf EU-Ebene intensiv diskutiert, er strahlt aus. Ich halte ihn EU-weit für das am weitesten fortgeschrittene Instrument zur Bewertung unternehmerischer Nachhaltigkeitsleistungen – und für das praktikabelste. Vielleicht gibt es in ein, zwei Jahren nicht mehr die Diskussion über den Deutschen Nachhaltigkeitskodex, sondern über einen europäischen Nachhaltigkeitskodex.

Weiterführende Informationen

Dialog „Deutscher Nachhaltigkeitskodex“. Informationen des Rates für Nachhaltige Entwicklung.

Auf dem Weg zu einem Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK). Entwurf des DNK, Stand: September 2011. [PDF, 163 KB]

Rat eröffnet Dialogverfahren „Deutscher Nachhaltigkeitskodex“. Pressemitteilung des Rates für Nachhaltige Entwicklung, 29.11.2010.

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