Direkt zum Inhalt springen

"Die Wirtschaft muss beim Thema Nachhaltigkeit vorangehen – technische Innovationen und gesellschaftliche Verantwortung sind gleichberechtigte Schlüssel für unternehmerischen Erfolg."

Dr. Eric Schweitzer, Mitglied des Rates

16.05.2011

Mehr News zum Thema : Konsum | Fläche | Entwicklungspolitik | Umwelt | Wirtschaft 

Deutsche werfen Berge frischer Lebensmittel in den Müll

In Deutschland landen täglich Tausende Tonnen frisches Brot, Gemüse, Obst, Fisch und Fleisch im Müll. Neuen Schätzungen des Bundesverbraucherschutzministeriums zufolge wirft jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr Lebensmittel im Wert von rund 330 Euro weg. Bis zu 20 Millionen Tonnen Nahrungsmittel werden so vergeudet. Weltweit wird laut Welternährungsorganisation FAO sogar ein Drittel der für den menschlichen Verzehr produzierten Nahrung weggeworfen. Ungefähr 1,2 Milliarden Tonnen Nahrungsmittel gingen so jedes Jahr auf dem Weg vom Acker, der Weide oder dem Kutter auf den Teller verloren. Die Verschwendung verstärkt nicht nur den weltweiten Ansturm auf freie Ackerflächen und den Hunger in vielen armen Ländern. Sie heizt auch die Atmosphäre auf, da die energieintensive Lebensmittelproduktion CO2 verursacht. Dabei, sagen Experten, ließe sich die Vergeudung mit relativ einfachen Mitteln begrenzen.

Der Filmemacher Valentin Thurn hat zwei Jahre lang zur Lebensmittelverschwendung recherchiert und seine Ergebnisse in dem 2010 abgeschlossenen TV-Film Frisch auf den Müll dokumentiert. Thurn sagt, in Deutschland seien alle an der Verschwendung beteiligt: Landwirtschaft, Handel und Hersteller, Verbraucher – und zwar zu etwa gleichen Anteilen. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher planten ihre Einkäufe nicht und kauften mehr ein, als sie die Woche über benötigten, was durch die niedrigen Lebensmittelpreise in Deutschland begünstigt werde. „Deutsche Konsumenten“, so Thurn, „wissen noch viel zu wenig über die Größenordnung der Verschwendung und das, was sie dagegen tun können“. Supermärkte böten durchgehend die ganze Warenpalette an, und alles müsse perfekt aussehen. „Kartoffeln werden schon mit kleinen Dellen aussortiert“, sagt Thurn. Die Lebensmittelhersteller wiederum kauften lieber mehr Rohstoffe ein, als sie benötigten, damit sie ihre Anlagen stets auslasten könnten.

Während die Lebensmittelverschwendung für deutsche Verbraucher weitgehend folgenlos bleibt, verschärft sie in armen Ländern Nahrungsknappheit und Hunger. „Die Verschwendung verknappt Ackerland“, sagt der Generalsekretär der Deutschen Welthungerhilfe, Wolfgang Jamann. Je mehr Lebensmittel produziert würden, desto mehr Ackerland sei nötig. Die Preise für Ackerland zögen an und damit auch die Preise für Nahrungsmittel. „Unsere Lebensmittelverschwendung geht direkt zulasten der Menschen im Süden“, sagt Jamann.

Fatal ist auch die Ökobilanz der Wegwerfgesellschaft. Martin Hofstetter, Agrarexperte bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace, sagt, grob geschätzt verursache die Produktion eines Kilogramms Nahrungsmittel im Schnitt ein Kilogramm Treibhausgas. „Wenn wir 20 Millionen Tonnen Lebensmittel wegwerfen, blasen wir 20 Millionen Tonnen CO2 unnötig in die Atmosphäre“. Schon eine Reduzierung der Verschwendung um die Hälfte, so der Experte, sei für das Klima genau so gut wie die Abschaltung eines großen Kohlekraftwerks. Ein Zehntel der in Deutschland knappen landwirtschaftlichen Fläche stände sofort für andere Zwecke zur Verfügung. Hofstetter räumt allerdings ein, dass exakte Zahlen zur Umweltbelastung durch die Verschwendung rar sind. Auch, weil sich die Politik „schlicht nicht um das Problem gekümmert hat“. Sie dürfe nicht weiter wegschauen und müsse entsprechende Forschungen fördern.

Das Bundesverbraucherschutzministerium arbeitet nach eigenen Angaben an einer Studie, die mehr Licht ins Dunkel der Verschwendung bringen soll. Auch bietet es seit Kurzem eine Klappkarte für die Hosentasche mit Verbrauchertipps zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen. Nach einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag des Bundesverbraucherschutzministeriums werfen 84 der befragten Deutschen Lebensmittel weg, weil das Haltbarkeitsdatum abgelaufen oder die Ware verdorben ist. Das wird auch durch zu große Verpackungen begünstigt, was für 19 Prozent der Befragten ein weiterer Grund für den Gang zur Mülltonne ist.

Auch der Einkaufsführer des Rates für Nachhaltige Entwicklung Der Nachhaltige Warenkorb gibt Anregungen für bewussten, bedarfsgerechten Konsum. Kleinere Verpackungen, heißt es darin, tragen einen relativ höheren Preis, entpuppen sich aber am Ende oft als das günstigere Angebot, weil die gekaufte Menge eher dem tatsächlichen Bedarf entspricht.

Weiterführende Informationen

Weniger Lebensmittel in den Müll: Strategien gegen die tägliche Verschwendung. Pressemitteilung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV), 10.05.2011.

Lebensmittel gehören nicht in den Müll! – Praktische Verbrauchertipps.  Verbraucherinformationen des BMELV, ohne Datum.

Lebensmittelabfälle vermeiden – Die cleveren Tipps. Klappkarte  des BMELV zum Ausdrucken. [PDF, 111 KB]

Der Wert von Lebensmitteln. Umfragen im Auftrag des BMELV.

Taste the Waste – Plattform zum Austausch und zur Information über die Folgen der Lebensmittelverschwendung des Filmemachers Valentin Thurn.

Frisch auf den Müll – Die globale Lebensmittelverschwendung. Flyer zum Dokumentarfilm von Valentin Thurn. [PDF, 761 KB]

Website der Deutschen Welthungerhilfe.

Website der Umweltschutzorganisation Greenpeace.

Der Nachhaltige Warenkorb. Einfach besser einkaufen. Broschüre des Rates für Nachhaltige Entwicklung, Aktualisierung März 2011. [PDF, 3,9 MB]

Online-Version des Nachhaltigen Warenkorbs.

Projektseiten „Nachhaltiger Warenkorb“ auf der Website des Rates.

Newsletter-Abo

Interesse an unserem Newsletter? Abonnieren Sie hier die ‚News Nachhaltigkeit‘.