03.05.2011
Forscher: Konsum reicher Länder bläst CO2-Bilanz ärmerer Länder auf
Die Industriestaaten verlagern nicht nur Produktionsprozesse, sondern auch den Ausstoß von Treibhausgasen in ärmere Länder. Der seit Jahren anhaltende Trend, immer mehr Konsumgüter wie Handys oder Kleidung aus Billiglohnländern zu beziehen, belastet deren Klimabilanz. Das weisen Berechnungen eines internationalen Forscherteams nach, darunter Wissenschaftler der Technischen Universität Berlin und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Nur dank umfangreicher Produktionsverlagerungen, so die Autoren, hätten die reichen Länder ihre im Kyoto-Protokoll festgesetzten Klimaschutzziele trotz wachsenden Konsums erreicht. Ihre Studienergebnisse deuten darauf hin, dass die Auswirkungen von Emissionsverlagerungen im Zuge der Globalisierung bisher erheblich unterschätzt werden – und belegen eine grundlegende Schwäche des Kyoto-Protokolls.
„Wir begrenzen Emissionen bei uns, verursachen aber zugleich mehr CO2-Ausstoß in Regionen ohne Klimaschutzziele“, sagt Jan Christoph Minx von den Fachgebieten Ökonomie des Klimawandels und Sustainable Engineering an der TU Berlin. Minx ist einer der Autoren der Studie. Demnach konnten die reichen Länder zwar von 1990 bis 2008 ihren CO2-Ausstoß insgesamt drosseln. Im gleichen Zeitraum stiegen jedoch die globalen Emissionen um 39 Prozent. Überdurchschnittlichen Anteil daran hatten Emissionen aus der Produktion von Konsumgütern, die in reiche Länder exportiert wurden. Im Ergebnis sei dadurch fünfmal mehr CO2 entstanden, als die Industrieländer durch Klimaschutz in ihren eigenen Grenzen vermieden hätten.
Die Wissenschaftler fordern, die durch den Welthandel verursachten Emissionen im Kyoto-Protokoll zu berücksichtigen. Die Industrieländer haben sich im Zuge des Klimaschutzabkommens zur Begrenzung ihres CO2-Ausstoßes verpflichtet. Für Schwellen- und Entwicklungsländer wurde auf solche Vorgaben verzichtet, um deren Wirtschaftswachstum nicht zu behindern. Das Kyoto-Protokoll berücksichtigt die Emissionsverlagerungen nicht, denn es folgt dem Territorialprinzip: Treibhausgasemissionen werden dem Land zugerechnet, in denen sie verursacht wurden. Deshalb müssen Industriestaaten durch den Import von Waren verursachte Emissionen nicht melden.
Daniel Pentzlin von der europäischen Umweltschutzorganisation Friends of the Earth Europe in Brüssel sieht das Kyoto-Protokoll durch die neuen Erkenntnisse nicht grundsätzlich infrage gestellt. Es sei das einzige internationale Instrument, das verbindliche Regeln und Emissionsreduktionsziele für die reichen Länder vorgebe. Künftig müssten aber die durch Produktionsverlagerungen verursachten Emissionen international gemessen und dokumentiert werden. Er fordert eine „Referenz zu einer Treibhausgas-Bilanzierung, die sich an Stoffströmen oder CO2-Flüssen orientiert“. Technisch sei das innerhalb der Kyoto-Architektur möglich, politisch aber sei es nicht durchsetzbar. Der Politikwissenschaftler sieht „keine Chance, dass dem jemals ein Kyoto-Staat zustimmen wird“.
Skeptisch ist auch Regine Günther, Leiterin Klima- und Energiepolitik der Umweltstiftung WWF Deutschland. Die Berechnung von Stoffströmen oder CO2-Flüssen sei äußerst komplex, sagt sie, und praktisch kaum umsetzbar, schon gar nicht in den nächsten fünf Jahren, in denen international die Trendwende beim CO2-Ausstoß eingeleitet werden müsse. „Wir bräuchten ein komplett neues System“, so Günther. Sie findet es auch nicht falsch, dass den Exportländern die während der Produktion entstandenen Emissionen zugerechnet werden. „Die armen Länder erzielen durch den Verkauf ihrer Produkte auch Profite“, sagt sie. Damit könnten sie ihr Land entwickeln. Dennoch ständen die reichen Industriestaaten durch ihre historische Verantwortung für die Erderwärmung in der Pflicht, die armen Länder beim Klimaschutz zu unterstützen, so Günther.
Weiterführende Informationen
Welthandel: Reiche Länder verursachen zunehmend CO2-Emissionen in ärmeren Ländern. Gemeinsame Pressemitteilung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und der Technischen Universität Berlin, 26.04.2011.
Growth in emission transfers via international trade from 1990 to 2008. Studie von Peters, Glen P.; Minx, Jan C.; Weber, Christopher L.; Edenhofer, Ottmar. Veröffentlicht in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (2011).
Website der europäischen Umweltschutzorganisation Friends of the Earth Europe.
Website der Umweltstiftung WWF Deutschland.
Meldungen zum Thema
Klimaforscher will globale Konsumziele für die Reichen. News Nachhaltigkeit, 09.02.2011.
Westlicher Konsum treibt Chinas Emissionen in die Höhe. News Nachhaltigkeit, 19.03.2009.
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