08.12.2010
„Mikrokredite sind kein Allheilmittel gegen Armut“ – Interview mit dem Banker Falk Zientz, Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit 2010
Der Bochumer Banker Falk Zientz ist Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit 2010. Zientz leitet bei der sozial-ökologisch orientierten Genossenschaftsbank GLS die Abteilung „Mikrofinanz“ und hat die Auszeichnung des Rates für Nachhaltige Entwicklung am 26. November auf dem Deutschen Nachhaltigkeitstag in Düsseldorf entgegengenommen. Der Bankkaufmann und studierte Politikwissenschaftler hat sich in den vergangenen zehn Jahren mit viel Engagement für die Förderung der Kleinkreditvergabe an Firmengründer und Kleinunternehmen eingesetzt und den flächendeckenden Aufbau von Mikrofinanzinstituten in Deutschland vorangetrieben. Außerdem gilt er als Geburtshelfer des Mikrokreditfonds Deutschland, mit dem die Bundesregierung und der Europäische Sozialfonds seit Anfang des Jahres Ausfallrisiken von Mikrokreditgebern wie der GLS-Bank auffangen. Im Interview erklärt der Sozialunternehmer, woher sein Engagement rührt, was Mikrokredite mit Nachhaltigkeit zu tun haben und welchen Kriterien eine verantwortungsvolle Kleinstkreditvergabe genügen muss.
Herr Zientz, Sie wurden vom Nachhaltigkeitsrat als vorbildlicher Social Entrepreneur ausgezeichnet und gelten als Wegbereiter der Mikrofinanzierung in Deutschland. Was brachte Sie dazu, sich mit Mikrokrediten zu beschäftigen?
Ich habe Anfang des Jahrtausends beobachtet, dass immer mehr Unternehmen aus der Arbeitslosigkeit heraus gegründet wurden, Existenzgründern und Kleinstunternehmern aber der Zugang zu Krediten versperrt blieb. Die Idee war, diese Finanzierungslücke mit Mikrokreditfonds zu schließen. Ich war damals Freiberufler und kooperiere für die Auflage eines ersten Fonds in Brandenburg mit der GLS-Bank, mit dem dortigen Jugendministerium und dem gemeinnützigen „Projekt Enterprise“. Der Fonds und weitere Folgeprojekten in anderen Regionen waren so erfolgreich, dass wir 2004 den ersten bundesweiten Fonds auflegen konnten. Zwei Jahre später stieg dann die Bundesregierung ein und stockte den bis dahin mit 500.000 Euro ausgestatteten Mikrokreditfonds auf zwei Millionen Euro auf. Das war ein sehr wichtiger Schritt, weil der Bund uns ab da begleitete und sehen konnte, dass wir benachteiligte Zielgruppen bedienen und dabei kaum Kreditausfälle verzeichnen müssen. 2009 hat dann der Bund beschlossen, das Mikrofinanzangebot in Deutschland groß aufzuziehen und den neuen Mikrokreditfonds mit 100 Millionen Euro auszustatten.
Wer nimmt Mikrokredite in Deutschland überhaupt in Anspruch?
Zu uns kommen nicht die Ärmsten der Armen, wie das etwa bei manchen Mikrofinanzinstituten in Indien der Fall ist. Unsere Kreditnehmer sind kleine Unternehmer mit kleinem Finanzierungsbedarf. Handwerker, der Laden um die Ecke, Dienstleister, Kreative, die beispielsweise einen großen Auftrag vorfinanzieren wollen, aber nicht an Kapital kommen. Größtenteils sind es Menschen, die, obwohl sie unternehmerisch aktiv sind, unter prekären Bedingungen leben. Bei uns können sie Kleinkredite erhalten, um dieser Situation mit ihrem Betrieb zu entwachsen.
Wie kommt die Nachhaltigkeit ins Spiel?
Dadurch, dass Menschen am Wirtschaftsleben und damit an der gesellschaftlichen Entwicklung teilhaben können. Ohne Mikrokredite könnten ihre Unternehmen nicht wachsen, sie steckten dauerhaft in prekären Verhältnissen fest. Außerdem entsteht soziales Kapital im Sinne von gegenseitiger Hilfeleistung beispielsweise in Kreditgenossenschaften. Die Stärkung der sozialen Dimension der Nachhaltigkeit über Mikrokredite ist für uns als GLS-Bank maßgeblich.
Ist der Mikrofinanzmarkt ein Wachstumsmarkt?
Absolut, wir werden momentan überrannt. Eigentlich wollten wir 2010 vor allem strukturell arbeiten und neue Mikrofinanzinstitute aufbauen. Das ist uns auch gut gelungen. Gleichzeitig haben wir aber schon 1.800 Darlehen vergeben – geplant war die Hälfte, was schon eine Vervierfachung gegenüber 2009 gewesen wäre. Die Nachfrage ist also sehr viel größer als erwartet und dürfte so schnell nicht zum Erliegen kommen: Nach unseren Berechnungen haben von den rund eine Million aus der Arbeitslosigkeit heraus gegründeten Kleinstunternehmen in Deutschland 15 Prozent klaren Mikrofinanzbedarf. Solange wir diesen Bedarf nicht gedeckt haben, liegt eine steile Wachstumskurve vor uns. Wir rechnen damit, dass sich die Mikrofinanzierung zu einem eigenständigen Sektor entwickelt und es künftig auch deutlich mehr Mikrokreditanbieter als heute geben wird.
In Indien stehen Mikrokredite derzeit in der Kritik. Die Darlehen wurden dort nicht nur für unternehmerische Investitionen, sondern auch zum schieren Überleben beansprucht. Schulden bei Mikrokreditgebern sollen schon mehr als 50 Menschen in den Selbstmord getrieben haben. Wie konnte es soweit kommen?
Ein Grund sind überhöhte Renditeerwartungen der Kreditgeber – Erwartungen, die mit der Realwirtschaft nichts zu tun haben. Solche Auswüchse im Kreditgewerbe gab es aber schon immer, auch in Industriestaaten, und es war illusionär und naiv anzunehmen, das komme bei Mikrokrediten nicht vor. Jedes Finanzierungsinstrument kann gegen die Menschen, für den Profit eingesetzt werden. Mikrofinanzierung ist auch nicht generell für alle armen Menschen der Welt geeignet, sondern nur für jene, die unternehmerisch etwas in die Hand nehmen können. Und die Kreditvergabe bedarf einer verantwortlichen Steuerung. Kreditgeber müssen also immer genau darauf achten, wem sie Geld leihen. Sie müssen verantwortlich handeln.
Wie wollen sie verhindern, dass jemand über Ihre Mikrokredite in die Schuldenfalle gerät?
Wir haben transparente Konditionen, klare Zinssätze und verlangen keine Gebühren. Wichtig ist uns ein Vertrauensverhältnis zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer. Unsere Mikrofinanzinstitute sind dicht an den Unternehmern dran und können einschätzen, welche Summe diese zurückzahlen können und welche nicht. Voraussetzung für die Vergabe eines Kleinstkredites ist außerdem die Finanzierung unternehmerischer Aktivitäten. Konsumkredite sind ausgeschlossen, die Kreditverwendung wird jedes Quartal geprüft. Und wir vergeben als Erstkredit möglichst keine 10.000 oder 20.000 Euro, sondern wenige tausend Euro. Beträge also, die jeder, der will, zurückzahlen kann. Größere Unternehmensfinanzierungen sind zwar möglich, aber erst nach bestandener Bewährungsprobe. Auch deshalb liegt die Kreditausfallquote bei uns unter drei Prozent.
Sie selbst sagen, dass Mikrokredite zum Schaden von Menschen eingesetzt werden können. Braucht dieser Markt eine schärfere Überwachung?
Die wird definitiv kommen. In Frankreich, wo jedes Jahr schon 50.000 Kleinstkredite vergeben werden, kümmert sich bereits die Bankenaufsicht darum. Eine stärkere Aufsicht erwarte ich auch in Deutschland, wenn auch nicht sofort. Man muss aber auch sehen: Herkömmliche Banken können das Geschäft mit den Mikrokrediten heute wegen der hohen Regulierungsdichte nicht machen. Neue Gesetze sollten den Mikrofinanzinstituten deshalb Freiräume lassen – sonst wird der Markt ganz schnell wieder abgewürgt.
Weiterführende Informationen
Falk Zientz wird „Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit 2010“. Pressemitteilung des Rates für Nachhaltige Entwicklung, 18.11.2010.
Mikrokreditfonds Deutschland.
Mikrokreditfonds Deutschland. Informationen zum Mikrokreditfonds auf den Seiten des Existenzgründungsportals des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie.
Meldungen zum Thema
Nachhaltigkeitsrat würdigt Wegbereiter der Mikrofinanzierung in Deutschland. News Nachhaltigkeit, 23.11.2010.
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