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"Nachhaltigkeit heißt vor allem, über die momentane Nützlichkeit hinaus langfristig zu denken und entsprechend Zukunftsverantwortung zu übernehmen."

Alois Glück, Mitglied des Rates

15.11.2010

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Experten: Messung eines „grünen“ BIP stärkt arme Länder

Die Weltbank hat Ende Oktober am Rande des Weltnaturschutzgipfels im japanischen Nagoya ein Pilotprogramm zur Berechnung eines „grünen“ Bruttoinlandsproduktes (BIP) in Indien und Kolumbien angestoßen. Sie will diese und perspektivisch weitere Schwellen- und Entwicklungsländer dabei unterstützen, den Wert ihrer Wälder, Äcker oder Mineralien in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einzubringen. Ziel ist, den monetären Wert dieser Ressourcen und sogenannter Ökosystemdienstleistungen wie der Bereitstellung klaren Wassers oder sauberer Luft zu beziffern. So sollen auch die Wertverluste durch Naturzerstörungen monetär messbar werden. Deutsche Wirtschafts-, Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsexperten loben das Pilotprojekt der Weltbank und dessen Fokus auf ärmere Länder. Es verspreche neuen Schub für die Nachhaltigkeitspolitik in diesen Ländern und könne ihre Verhandlungsposition auf internationalem Parkett stärken.

„Schwellen- und Entwicklungsländer sind meist noch stärker als reiche Länder von ihrem Naturkapital abhängig“ erklärt Karen Pittel, Abteilungsleiterin „Energie, Umwelt, erschöpfbare Ressourcen“ beim Münchener ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Der Anteil des Naturkapitals am volkswirtschaftlichen Gesamtkapital sei dort im Vergleich zu industrialisierten Ländern meist deutlich höher. Industrialisierte Länder dagegen, so die Volkswirtin, generierten ihr Wirtschaftswachstum in der Regel weniger über Naturkapital in Form von Rohstoffen, sondern hauptsächlich über Kapital in Form von Maschinen oder durch gut ausgebildete Menschen. Ärmere Länder seien stärker von ihren Ressourcenvorkommen abhängig. Würden die Ressourcenvorkommen ärmerer Länder übernutzt, sagt Pittel, reduziere dies ihre Entwicklungschancen. Ein „grünes“ BIP, das die Entwicklung des Ökokapitals offenlegt, könnte ihrer Einschätzung nach die Grenzen der Belastbarkeit dieser Ressourcen verdeutlichen und dadurch eine an Nachhaltigkeitsgrundsätzen orientierte Politik stärken. „Es wäre eine Argumentationshilfe zur Durchsetzung von Umweltschutzauflagen“, sagt die an der Ludwigs-Maximilians-Universität München lehrende Volkswirtin.

Diese Einschätzung teilt der Politikwissenschaftler Joachim Betz, leitender Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien in Hamburg. Betz forscht unter anderem zur indischen Politik und sagt, die dortigen Umweltschutzgesetze seien „auf dem Papier vorzüglich, aber schwach in der Umsetzung“. Eine volkswirtschaftliche Erfassung der Kosten von Umweltzerstörungen könnte das seiner Einschätzung nach ändern – nämlich dann, wenn das reale Wirtschaftswachstum Indiens nach Berücksichtigung der Verluste durch Umweltzerstörung deutlich kleiner ausfalle als bisher berechnet. Betz vermutet, dass die indische Regierung mit einem „grünen“ BIP auch ihre Position in den internationalen Klimaverhandlungen stärken könnte: Werde deutlich, dass sich etwa die Emissionen aus der Energiebereitstellung durch „saubere“ Technologien und damit die Klimaschutzkosten senken ließen, könne die indische Regierung ihre „Forderung nach Bereitstellung dieser Technologien durch die Industrieländer argumentativ untermauern“.

Einen Nutzen des „grünen“ BIP für ärmere Länder sieht auch Harald Lossack, Kompetenzfeldleiter „Biodiversität, Wald und Ressourcengovernance“ bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Der Sozialwissenschaftler verweist auf das in Nagoya verabschiedete Protokoll zum gerechten Vorteilsausgleich, mit dem artenreiche Entwicklungs- und Schwellenländer an den Gewinnen beteiligt werden sollen, die Unternehmen aus Industriestaaten durch die wirtschaftliche Nutzung genetischer Ressourcen aus diesen Ländern erzielen. „Je klarer ein Land den Wert seiner natürlichen Ressourcen beziffern kann“, sagt Lossack, „desto leichter kann es Unternehmen deren Nutzung in Rechnung stellen“. Gerade „megadiversen Ländern“ mit großer Artenvielfalt wie Kolumbien oder Indien, böte ein „grünes“ BIP Chancen. „Sie hätten außerdem eine klare Berechnungsgrundlage für die Kosten, die ihnen in Folge der Erderwärmung entstehen“. Das stärke ihre Position in künftigen Verhandlungen über die Verteilung der Kosten des Klimaschutzes.

Weiterführende Informationen

World Bank Launches New Global Partnership to “Green” National Accounts. Pressemitteilung der Weltbank, 28.10.2010.

Werdegang und Arbeitsschwerpunkte der Volkswirtin Karen Pittel. Informationen auf der Website des ifo-Institus für Wirtschaftsforschung, München.

Werdegang und Arbeitsschwerpunkte des Politikwissenschaftlers Joachim Betz. Informationen auf der Website des Leibniz-Instituts für Globale und Regionale Studien.

Informationen zur Arbeit der GTZ in den Bereichen Umwelt und Klima.

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Weltnaturschutzkonferenz: Artenschützer fordern mehr Einsatz für Trendwende. News Nachhaltigkeit, 21.10.2010.

WWF: Neue Wohlstandsdefinition überfällig. News Nachhaltigkeit, 20.10.2010.

Wohlstandsmessung: RNE-Experten schlagen Reform vor. News Nachhaltigkeit, 08.07.2010.

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