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"Unsere Gesellschaft muss viel stärker über die Wertorientierung unserer Lebensstile und über den Wert öffentlicher Dinge reden."

Dr. Hans Geisler, Mitglied des Rates

09.11.2010

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„Wir brauchen ein tieferes Systemverständnis“ – Interview mit Olaf Kühne, Stiftungsprofessor für nachhaltige Entwicklung an der Universität des Saarlandes

Die Universität des Saarlandes in Saarbrücken hat zum 1. Oktober den Geografen und Soziologen Olaf Kühne zum Stiftungsprofessor für nachhaltige Entwicklung ernannt. Prof. Dr. Dr. Kühne will an der Hochschule das Querschnittsthema Nachhaltigkeit in möglichst vielen Studienfächern verankern und die Forschung zur nachhaltigen Entwicklung stärken. Kühne, dessen Professur aus Mitteln der Bildungsinitiative Mut zur Nachhaltigkeit gefördert wird, war sieben Jahre in leitenden Positionen im saarländischen Umweltministerium tätig und lehrte an deutschen und polnischen Hochschulen. Wo er Forschungsbedarf sieht und wie wissenschaftliche Arbeit zur Nachhaltigkeit trotz unsicherer Zukunft Orientierung bieten kann, erklärt er im Interview.

Herr Professor Kühne, aus welchen Fächern kommen Studierende an der Saar-Uni, die sich für Nachhaltigkeit interessieren?


Aus ganz unterschiedlichen Disziplinen: aus der Geografie, den Sozial-, Kultur- oder Rechtswissenschaften, der Philosophie. Die Nachhaltigkeitswissenschaften wurden als offenes Studienangebot für alle Fachrichtungen konzipiert, weil Nachhaltigkeit in jeder Disziplin eine Rolle spielen sollte. Ihre Grundsätze müssen sich im Rechtssystem ebenso widerspiegeln wie in den Wirtschafts- oder Naturwissenschaften oder der Soziologie. Deswegen befassen wir uns an der Saar-Uni auch nicht mit einem Sektor der Nachhaltigkeit, der Nachhaltigkeit im Maschinenbau oder in der Entwicklungspolitik zum Beispiel, sondern setzen auf Interdisziplinarität, auf ein fächerübergreifendes Angebot mit gleichwertigem Blick auf Ökonomie, Ökologie und Soziales.

Was lernen Ihre Studierenden?


Sie lernen zunächst die Grenzen kennen, an die unsere ökologischen, sozialen und ökonomischen Ressourcen stoßen und was das für die Gerechtigkeit zwischen den Generationen bedeutet. Im Mittelpunkt stehen die Fehlsteuerungen in unterschiedlichen Gesellschaftssystemen, in Politik oder Wirtschaft etwa. Es geht darum, die Eigenlogik dieser Systeme zu erkennen. Dass die Wirtschaft beispielsweise der Eigenlogik Gewinnerzielung folgt und Unternehmen bestimmte Kosten externalisieren, Kosten für Umweltschäden zum Beispiel auf die Gesellschaft umlegen, um nicht vom Markt gefegt zu werden. Erst wer diese Eigenlogiken versteht, kann Alternativen zu ihnen entwickeln. Und das ist unsere Aufgabe. Im Kern vermitteln wir Orientierungswissen.

Ist Orientierung überhaupt möglich? Nachhaltigkeit bedeutet doch, eine Zukunft vorauszudenken, die immer mit Unsicherheiten belastet ist. Was bedeutet das für die Nachhaltigkeitswissenschaften?

Zunächst einmal diese Unsicherheiten anzusprechen. Das ist ein zentraler Punkt. Zwar ist Zukunft grundsätzlich offen, aber wir haben es mit bestimmten Wahrscheinlichkeiten zu tun, etwa beim Klimawandel. Wie der sich in vierzig Jahren konkret auf bestimmte Regionen mit allen sozialen, ökonomischen und ökologischen Folgen auswirkt, wissen wir nicht. Aber wir können mit bestimmten Wahrscheinlichkeiten arbeiten und daraus Szenarien entwickeln – um daraus wiederum Konsequenzen für unser Handeln abzuleiten. Wichtig ist, dass man sich auf Zukunft einstellt, mit Szenarien zum Beispiel, und trotz Unsicherheiten von der Orientierung zum Handeln kommt.  

Sie wollen sich auch für die Stärkung der Nachhaltigkeitsforschung einsetzen. Wo sehen Sie Forschungsbedarf?

Eine wichtige Forschungsfrage betrifft für mich die Raumordnung: Wir müssen klären, wie wir Infrastrukturen auf-, aus- und umbauen können, damit die ökologische und soziale Komponente nachhaltiger Entwicklung hinreichend berücksichtigt wird. Forschungsbedarf sehe ich auch bei der Wahrnehmung der Nachhaltigkeit in unterschiedlichen sozialen Systemen. In der Ökonomie wird sie beispielsweise völlig anders rezipiert als in der Ökologie. Verstehen wir diese Unterschiede, können wir daraus Konsequenzen für die Weiterentwicklung des Leitbildes ableiten.

Spielt Nachhaltigkeit in Deutschland schon eine Rolle in der Ausbildung von Wissenschaftlern?  

Es gibt zumindest ein breites Studienangebot zu unterschiedlichen Aspekten der Nachhaltigkeit. Mir sind mehr als 100 Studiengänge bekannt, die sich in irgendeiner Form mit Nachhaltigkeit befassen. Was noch fehlt, sind Studiengänge, die das Verständnis gesellschaftlicher Systeme verbessern – deren Eigenlogik offenlegen, die daraus resultierenden Folgen für die nachhaltige Entwicklung aufgreifen und Alternativen entwickeln. Das verdient meiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit. Viele Nachhaltigkeitsprobleme resultieren schlicht aus unserem mangelnden Systemverständnis.

Setzen Bund und Länder den richtigen Rahmen für die Stärkung der Nachhaltigkeitswissenschaften?

Die nationale Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung führt in die richtige Richtung. Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Verantwortlichen in Bund und Ländern in erster Linie auf Wissensspezialisierung setzen, weniger auf die Verknüpfung von Wissen. Das betrifft dann auch die Forschungsprogramme. Interdisziplinarität wird zwar immer gefordert, aber selten eingelöst. Die Nachhaltigkeitswissenschaft trifft das in besonderer Weise, da diese nach meinem Verständnis Erkenntnisse verschiedener Disziplinen aufgreifen und nutzbar machen muss.

Meldungen zum Thema

Studienfach Nachhaltigkeit: Lehrangebot von Hochschulen nimmt zu. News Nachhaltigkeit, 01.06.2010.

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