13.09.2010
Umweltschützer kritisieren „Landnahme“ für Biosprit in Afrika
Die boomende Nachfrage nach Energiepflanzen wie Zuckerrohr oder Palmöl führt laut einer neuen Studie des internationalen Umweltschutznetzwerks „Friends of the Earth Europe“ (FoEE) zu zunehmenden Landaneignungen durch europäische und chinesische Investoren in Afrika. Ausländische Agrarkonzerne nutzen demnach in elf für die Studie untersuchten afrikanischen Staaten bereits Anbauflächen in der Größenordnung der Fläche Dänemarks. Entscheidend vorangetrieben wird diese Entwicklung den Umweltschützern zufolge durch die Biosprit-Politik der Europäischen Union. Die von ihr aus Klimaschutzgründen erlassene Beimischungspflicht von Biokraftstoffen zu konventionellen Treibstoffen führe in Afrika zur Verdrängung von Anbauflächen für Nahrungsmittel. Ob der Flächenerwerb durch ausländische Investoren allerdings nur negative Folgen hat, ist unter Experten strittig.
Reinhild Benning, Agrarexpertin der deutschen FoEE-Mitgliedsorganisation Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, BUND, sieht in der zunehmenden „Landnahme“ keine gute Entwicklung. Die Umwidmung von Ackerland, sagt die Landwirtin und Sozialwissenschaftlerin, trage entgegen den Beteuerungen der Kapitalgeber nur selten zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage vor Ort bei. Zwar bauten die Agrarkonzerne Infrastrukturen wie Straßen auf. Einen Nutzen habe die lokale Bevölkerung davon aber nicht, weil ihnen, so Benning, „zuvor ihr Produktionsmittel Land genommen wurde“. Im Ergebnis führe der von den reichen Industrienationen aus Klimaschutzgründen verordnete Beimischungszwang in „vielen afrikanischen Staaten zu Hunger und einer unsicheren Nahrungsmittelversorgung“.
Auch Roman Herre von der internationalen Menschenrechtsorganisation FIAN beurteilt die Landnutzung für Biosprit durch Agrarkonzerne kritisch. FIAN setzt sich seit 1986 für die Verwirklichung des Menschenrechts auf Nahrung ein und berät unter anderem die Vereinten Nationen dazu. Herre sagt, die großen Spritverbraucher USA, Europa und Japan hätten mit dem Beimischungszwang „künstliche Märkte geschaffen, die Investoren den Absatz ihrer Agrotreibstoffe politisch garantieren“. Für die Kapitalgeber sei das ein äußerst einträgliches Geschäft. Die Bevölkerung vor Ort jedoch verlöre durch die Umstellung von der kleinbäuerlichen Nahrungspflanzen- zur industriellen Energiepflanzenproduktion ihre Einkommen. „Die Arbeitsplatzbilanz dieser Umstellung“, sagt der Agrarexperte Herre, „ist katastrophal“. Auch bauten ausländische Biosprit-Investoren lediglich „Exportinfrastrukturen“ auf. Der Löwenanteil der erwirtschafteten Werte fließe aus den afrikanischen Staaten ab.
Der Agrarökonom Michael Brüntrup vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik hat dagegen „Zweifel, dass die Bilanz von Landnahmen in Afrika rigoros schlecht“ ist. Afrikanischen Staaten, sagt der Agrarexperte der entwicklungspolitischen Denkfabrik mit Sitz in Bonn, eröffneten sich durch die Biosprit-Produktion neue Absatzmärkte. In der Europäischen Union dürften sie diese sogar zoll- und quotenfrei beliefern. Brüntrup vermutet zudem, dass die „Wertschöpfung in vielen landwirtschaftlichen Großbetrieben höher sein dürfte als bei einer kleinbäuerlichen Bewirtschaftung“. Aussagekräftige Statistiken zur Effizienz und zur Arbeitsplatzbilanz des großflächigen Energiepflanzenanbaus in Afrika fehlten aber bislang. Per se schlecht sind Agro-Investitionen aus dem Ausland seiner Beobachtung nach nicht. „Von Investitionen in die Baumwoll-, Kaffee- und Kakaoproduktion haben viele afrikanische Staaten und die ländliche Bevölkerung in der Vergangenheit profitiert“, sagt der Entwicklungsexperte.
Ob auch der Energiepflanzenanbau so wirkt, ist laut Brüntrup noch offen. Viel hänge hier vom Investor ab. „Hat der kein landwirtschaftliches Know-how und keine Sensibilität für den ländlichen Raum, kann er enorme Schäden anrichten.“ Nötig seien daher internationale Richtlinien für in- und ausländische Kapitalgeber. Brüntrup zufolge wird über solche Regeln derzeit unter anderem von den G8 diskutiert, der Gruppe der acht größten Industrienationen. Fraglich sei allerdings, wie bindend sie angesichts der Souveränität der Staaten ausfallen könnten. Er plädiert daher für einen politischen Dialog auf Regierungsebene mit den betroffenen Ländern.
„Friends oft he Earth“ dagegen verurteilt die Praxis der „Landnahme“ vorbehaltlos: Die ländliche Bevölkerung und die Umwelt seien die Leidtragenden dieser Entwicklung, heißt es in einer Mitteilung der Organisation. Urheber des Problems seien reiche Nationen und internationale Konzerne. FIAN-Experte Herre fordert indes, den Beimischungszwang für Agrokraftstoffe auszusetzen, „bis die menschenrechtlichen Folgen dieser Politik geklärt sind“. Auch BUND-Fachfrau Benning hält ein Moratorium für unerlässlich – zumal sich ihrer Beobachtung nach „langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass Biosprit das Klima nicht retten wird“.
Der Rat für Nachhaltige Entwicklung hat sich 2008 für eine konsequente Ausrichtung der Biospritproduktion an Nachhaltigkeitskriterien ausgesprochen. In seiner entsprechenden Empfehlung forderte er Politik und Wirtschaft unter anderem dazu auf, „mehr zu tun, um die energiepolitische Innovation der Biomasse den Maßstäben der nationalen Nachhaltigkeitspolitik gerecht werden zu lassen.“
Weiterführende Informationen
Biofuels for europe driving land grabbing in Africa. Pressemitteilung Friends of the Earth International, 30.08.2010.
World Bank land grab report: biofuels caus land grabs. Pressemitteilung Friends of the Earth International, 08.10.2010
Afrika: für jedermann zu haben. Ausmaß und Auswirkungen von Landnahme für Agrotreibstoffe. Deutsche Übersetzung der Studie von Friends of the Earth Europe, August 2010. [PDF, 1,4 MB]
Website BUND.
Website FIAN Deutschland.
Werdegang und Arbeitsschwerpunkte des Agrarökonoms Michael Brüntrup. Informationen auf der Website des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik.
Schutz der Biodiversität heißt aktuell: Biomasse-Produktion nachhaltig machen. Empfehlungen des Rates für Nachhaltige Entwicklung, 09.05.2008. [PDF, 373 KB]
Newsletter-Abo
Interesse an unserem Newsletter? Abonnieren Sie hier die ‚News Nachhaltigkeit‘.

