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"Die Städte werden in Zukunft noch stärker Zentren technologischer und gesellschaftlicher Innovationen sein. Umso wichtiger sind die Bemühungen um eine nachhaltige Entwicklung unserer Städte."

Prof. Dr. Wolfgang Schuster, Mitglied des Rates

17.12.2009

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Haber: Nachhaltigkeitsdebatte muss Fokus auf Bevölkerungsdynamik richten

Verklärende Bilder vom Wesen des Menschen und der Natur sind massive Hindernisse auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung. Diese Ansicht vertrat der renommierte Ökologiewissenschaftler Professor Wolfgang Haber in der ersten Carl-von-Carlowitz-Vorlesung des Rates für Nachhaltige Entwicklung Ende November in Berlin. Der Mensch, sagte Haber, sei ein „Sonderlebewesen“, das durch seinen Intellekt zwar zu Ideen wie etwa Gerechtigkeit fähig sei. Er habe aber auch eine „biologische Seite“, die auf das Überleben und den eigenen Vorteil geeicht sei und im Zweifelsfall die Oberhand gewinne. „Das Hauptorganisationsprinzip des Lebens ist Wettbewerb“, sagte der 84-jährige Wissenschaftler, der als ein Wegbereiter der deutschen Umweltpolitik gilt. Diese Tatsache werde jedoch immer noch „beschönigt“ – zulasten eines klaren Blicks auf Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung.

Haber erinnerte während seiner Vorlesung auf der 9. Jahreskonferenz des Nachhaltigkeitsrates an die Grundlagen der Ökologie und der biologischen Evolution auf der Erde. Dem Wettbewerbsprinzip, sagte Haber, „setzen wir immer noch Glaubensvorstellungen oder -lehren entgegen, die es unwahr machen sollen“. Sie reichten von der Vorstellung von ökologischer Harmonie bis zu einer „Mystifizierung der Ökologie“ als systemisches Lebensprinzip. Im Vordergrund von Systembetrachtungen müsse aber die biologische Art stehen, die mit ihrer Umwelt zusammenwirke. Lebenszweck aller Arten seien Selbsterhalt und Fortpflanzung, so Haber. Wer diesen Zweck nicht verstehe, habe die Evolution „geistig nicht bewältigt“. In der Natur gebe es nun einmal immer Gewinner und Verlierer. Auch der Mensch – als Individuum oder Gruppe – habe nur überlebt, weil er gelernt habe, sich zu behaupten. „Überlegenes Instrument des Sich-Behauptens“ sei sein Intellekt gewesen, so der ehemalige Leiter des Lehrstuhls für Landschaftsökologie an der Technischen Universität München.

Dieser Intellekt, so Haber, scheitere heute jedoch daran, das „eigene, zahlenmäßige Wachstum der Menschheit zu regeln“, und zwar mit allen seinen Wechselwirkungen auf die Qualität des Lebens, Ernährungssicherheit und Wohlstand. Derzeit nehme die Weltbevölkerung um 200.000 Menschen täglich zu, größtenteils finde das Wachstum in Regionen mit geringer natürlicher Produktivität statt. Zugleich schrumpfe die landwirtschaftliche Fläche der Erde. Laut Haber können diese Entwicklungen noch in diesem Jahrhundert verheerende Folgen nach sich ziehen. „Wenn wir unser eigenes Wachstum an Zahl und Ansprüchen nicht drastisch selber begrenzen, wird die Natur das für die Evolution maßgebende Instrument der Extinktion auch auf die Menschheit anwenden“, sagte er. 

Trotz dieser realen Gefahr, so der ehemalige Berater der Bundesregierung weiter, erfahre das Bevölkerungswachstum „in der Debatte um die nachhaltige Entwicklung leider viel zu wenig Aufmerksamkeit“. Verschärft werde die Lage durch zwei „ökologische Fallen“, in denen die Menschheit sich verfangen habe. Zu einem sei sie von endlichen Brennstoffen abhängig. Zum anderen von landwirtschaftlicher Fläche. Ob und wie sie sich aus diesen Fallen befreien könne, vermöge auch er nicht zu sagen, führte Haber aus. Klar sei aber, dass Wunschvorstellungen vom Menschen und der ihn umgebenden Natur dabei nicht hilfreich seien. Eine nachhaltige Entwicklung kann nach Habers Auffassung nur gelingen, wenn die Menschheit ihren Blick auf Realitäten wie endliche Ressourcen und das Bevölkerungswachstum richtet.

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung hat die Carl-von-Carlowitz-Vorlesungen ins Leben gerufen, um herausragenden Wissenschaftlern ein Forum für den Diskurs über Grundlagen, Wege und Selbstverständnis einer nachhaltigen Entwicklung zu bieten. Benannt ist die Reihe nach dem sächsischen Oberberghauptmann Carl von Carlowitz. Der Forstexperte, der von 1645 bis 1714 lebte, gilt als Vater des Nachhaltigkeitsbegriffes in Deutschland. „Wir wollen mit den Vorlesungen an die Tugend des Redens und Zuhörens anknüpfen“, sagte der Generalsekretär des Rates, Günther Bachmann, zum Auftakt der Reihe, die auf der 10. Jahreskonferenz des Nachhhaltigkeitsrates im kommenden Jahr fortgesetzt werden soll.

Mit Wolfgang Haber, so Bachmann, habe der Rat für die erste Carl-von-Carlowitz-Vorlesung den „Doyen der deutschen wissenschaftlichen Ökologie“ gewonnen. Haber hat über lange Jahre als Wissenschaftler und Berater die deutsche Umwelt- und Naturschutzpolitik wesentlich geprägt. Er half unter anderem mit, die ersten deutschen Nationalparks zu etablieren und war 1993 erster Träger des Deutschen Umweltpreises der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.

Weiterführende Informationen

Nachhaltigkeit in einer sich ändernden Welt – Weichenstellung für Deutschland. Informationen zur 9. Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung.

In der ökologischen Falle. Interview des Magazin „National Geographic“ mit Prof. Haber anlässlich der ersten Carl-von-Carlowitz-Vorlesung.

Website des Lehrstuhls für Landschaftökologie der TU München.

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