03.10.2007
Greening USA – Was steckt dahinter?
Nicht nur Deutschland, auch die USA werden derzeit von einer grünen Welle erfasst. Nach Jahren des Desinteresses horcht die Öffentlichkeit bei Umweltthemen wieder auf, die Wirtschaft übt sich in Nachhaltigkeit, etliche US-Bundesstaaten machen ernst mit dem Klimaschutz. Wie kommt das? Was ist da los? Und was steckt dahinter?
Diesen Fragen widmete sich Dr. Günther Bachmann, Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung, Ende September bei den „Brodowiner Gesprächen“. Im Rahmen der 16. Jahrestagung umweltengagierter Schriftstellerinnen und Schriftsteller zeichnete Bachmann die Linien der US-Umweltpolitik der letzten Jahrzehnte nach und wagte eine Einschätzung der derzeitigen Entwicklung hin zu einer „grüneren“ Gesellschaft.
Diese „grüne“ Gesellschaft gab es in den USA in Ansätzen bereits einmal vor rund drei Jahrzehnten, so Bachmann. In den frühen 1980er Jahren hätte sich Amerika durch eine aktive Umweltpolitik ausgezeichnet, zivilgesellschaftliche Gruppen engagierten sich gegen Umweltverschmutzung und für den Naturschutz, starke politische Institutionen entstanden. Wissenschaft und Wirtschaft profitierten von dieser gesellschaftlichen Entwicklung, die sie unter einen hohen Innovationsdruck setzte.
Die Wende kam dann mit der Regierung unter Reagan, auf deren Agenda kein Platz mehr für „grüne“ Themen war. Die Lobbygruppen der Industrie vergrößerten in dieser Zeit ihre Macht und ihren politischen Einfluss beträchtlich. Sie waren schließlich stark genug, die Umsetzung des Kyoto-Protokolls zu verhindern. Das trieb die USA letztlich nicht nur in eine klimapolitische Isolation, sondern verhinderte auch Innovationen in der energetischen Infrastruktur, im Umweltsektor und in die Ressourceneffizienz. Letztlich machte sich dies auch in der Wettbewerbsfähigkeit wichtiger Sektoren der US-Wirtschaft bemerkbar.
Jetzt mehren sich die Zeichen, dass erneut eine Gegenbewegung entstehe: „Hollywood goes green“ sei ein Signal für Veränderung. „Grüne“ TV-Stationen gingen in Betrieb, die Debatte um Lebensstile – die Lifestyles of Health and Sustainability - verlasse die Nische und erreicht breite Schichten der Gesellschaft. Und, so Bachmann: „Maßgebliche Teile der US-Wirtschaft wollen aus der verordneten politischen Zwangs-Defensive im Klimaschutz ausbrechen und erhöhen den Druck auf die Regierung“.
Wie so oft in den USA zu beobachten entstehen wirkungsvolle soziale Bewegungen an verschiedenen Stellen und mit ganz unterschiedlichen Motiven. Ihre politische Kraft entfalten sie durch einen bei aller Vielfalt gemeinsam getragenen Fokus. Ob und wie dies in den USA der Fall sein wird, sei eine der spannenden Fragen der nächsten Zeit. Die USA geben, so Bachmann, uns einmal mehr Rätsel auf. Deshalb lohne es sich auch aus europäischer Perspektive, genauer hinzuschauen und die eigenen Einschätzungen zu überprüfen. Zwar sei jetzt oft die Rede von einer „erneuerten transatlantischen Partnerschaft“. Die Wirklichkeit hinke dieser Rhetorik jedoch noch hinterher, wie Bachmann vermutete, wohl auf beiden Seiten des Atlantiks.
Die politische Kraft, die für einen breiten Umschwung zu mehr Umwelt- und Klimaschutz nötig ist, bleibe daher vorerst verdeckt und ohne die nötige Resonanz in Deutschland. Bachmann plädierte für mehr Neugier und Diskussion, weil wir uns „dem ‚Rätsel USA‘ stellen müssen – und zwar auch, um uns selbst besser zu verstehen.“
Download:
"Greening USA - Was ist los? Was steckt dahinter?" [PDF, 3,11MB]
Vortragsfolien von Dr. Günther Bachmann bei der 16. Jahrestagung umweltengagierter Schriftstellerinnen und Schriftsteller, „Brodowiner Gespräche“ am 23. September 2007
Weitere Informationen:
Die Jahreskonferenz des Nachhaltigkeitsrates am 27. November 2007 bietet ein Diskussionsforum zum Thema „Aufbruch in den USA“ mit zwei US-Experten an. Infos und Online-Anmeldung

